Kultur ans Netz

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Selbstporträt,
denn bei allem, was geschehen könnte: Mir selbst kann ich nicht entfliehen.

Schicht um Schicht blättert mein Sein sich ab von rauer Schale zu seidenem Geflecht von Lichtbahnen der Meridianen. Oder von der äußerem Illusion zur lebendigen Wahrheit. Jeder sieht was er sieht. Was gebe ich preis?
In jeder Schicht finde ich so viel Informationen und reale Schmerzen vor. Und doch erkenne ich am Ende das Licht, das alles Leiden vertreibt in einer Sekunde.

Ich ahnte nicht, was das für eine Reise ins Innere und in die Erinnerung meiner Zellen an ihre gesamte Existenz sein würde. Mit Fotografien meiner Selbst versuchte ich immer wieder einen Bezug an die Oberfläche zu halten. Meine Biografie ist immer wieder von solchen Phasen gebildet, in denen ich nach innen schaue und Vergessenes ans Licht hole, um es endgültig zu verstehen, zu vergeben und zu ehren, so auch loszulassen.
Im Erleben dieser Geschichte meiner Zellen, meines körperlichen Daseins bin ich zurückgeworfen in einen Strudel der Emotionen und schaue wie ein Embryo staunend und abhängig zu, was sich ereignet. Am Ende bin ich Zeugin eines Verfalls, des Alterns und der Frage nach Würde.

Widerspiegeln in Zeichnungen und Gemälden ist fast unmöglich im Verlaufe des Winters. Wegen der zunehmenden Schmerzen halte ich Illusionen aufrecht. Meine inneren Bilder fragen nach Papier, doch ich schaffe es kaum mich aufzurichten… und am Ende ist jeder Strich ein Manifest des Lebens gegen den Widerstand des nicht loslassen Wollens.

Die Tage vergehen in grauem Licht. Gebückt gehe ich wie eine alte Hexe ohne Stock und ich streichle die Katzen vor dem Haus. In den Nächten kommen sie aus ihren Verstecken, die pulsierenden Attacken des Schmerzes, sie kommen aus wechselnden Richtungen, aber fast ausschließlich linksseitig und vom unteren Rücken ins gesamte Bein, durch die Gedärme und in den Piriformis, den Psoas, die Lingamente, die Nerven, die Meridiane… Wesen mit Fratzen, die sich nicht im Licht zeigen. Sie brennen in den Nerven. Wesen, die ohne Geräusche mit hohen Schwingungen in meinen Ohren liegen, wie Sirenen. Ich mache lange stöhnende Laute und ich denke zu viel nach. Gürtelrose. Die Negativität meines gesamten Lebens drückt sich aus und es findet kein Ende. Es sei denn ich markiere es mit einer Signatur unter eine als fertig betrachtete Zeichnung. Zurückgefunden zur Kreativität!
Zeichnen ist mein Brot. Solange ich atme, bin ich Künstlerin.

Mein Körper – er macht Sinn. Körperlich habe ich diesen Schmerz ausgedrückt. Mein Körper mit allem verbunden drückt diesen Schmerz aus. Die Negativität unseres kollektiven Lebens. Mein Gesicht muss das alles tragen. Ohne Maske. Doch was will ich davon im Moment zeigen?

Kraft. Wo finde ich sie? Im Atem und in meiner Liebe. Ich erinnere mich, wie ich sie in meiner Kreativität wiederentdeckt hatte. Also beginne ich den Bleistift immer wieder in die Hand zu nehmen, so wie ein stärkendes Band des Betens ohne Worte. Die Bedrohung durch eine Pandemie ist wie ein Dämon, er aus den Menschen das macht, was ihre Ängste in ihnen an Macht gewinnen. Wie verändert dies mein Tun?

Langsam.
Immer langsamer lebe ich von Tag zu Nacht zu Tag. Lächeln an jedem Morgen. Du lebst! Überleben. Das heißt das Leben in jedem Atemzug zu verteidigen gegen die Verdrießlichkeit. Corona ist ein unsichtbares Phantom, das uns zur Zurückziehung zwingt. Das ist mir im Moment nur eine äußere entfernte Kulisse in der sich alles ereignet. Eine Kulisse der Unmenschlichkeit für kommende Generationen, die ohne die Erfahrung des Zusammenhaltes und der Kraft der Umarmung die innere Stärke offenbaren muss, um in Würde zu leben. So interessiert mich nur noch der Ausdruck, unverstellt und ohne Beschönigung und ohne Symbol. Nüchtern betrachtet: Wie sieht Würde aus in meinem Gesicht? Oder darf ich auch zweifeln und schwach sein und dies mir selbst und anderen eingestehen?
Ist mein Individuum verbunden mit allem Schmerz und aller polarisierenden Negativität? Oder kann sich meine Seele von dieser Symbiose befreien? Seelische Transformation geschieht nicht einfach so, dazu braucht es eine aufrichtige Absicht.

Wie ein Segelloses Ruderloses Boot und ohne Kurs halte ich in dem endlosen Meer der entsetzlichen Erfahrungen aller Leidenden der Welt mein Gebet mit kleiner Kerze und großem Mut, auszuhalten…. Ohne Hoffnung… mit der Zuversicht der um die Kraft der Vergänglichkeit Wissenden. Weiter –
Es kommt ein leichter Wind auf und ich entdecke, dass sich in meinem Blick ein Segel aufbläht, seidentransparent aber stark gewebt aus meinen Liedern des Segens und der subtilen Atemzüge, die alles besingen und atmen in den ewigen Raum… des Lebens. Dieser ewige Austausch von Geben und Nehmen.
Im Rhythmus der Wellen wiege ich meinen Körper und halte den Blick fest ins Endlose – gerichtet in den Raum in alle 10 Richtungen.

Diesen Trost spende ich mir in meiner Welt. Möge diese Welt mit der Welt der anderen sich irgendwo im Herzen im Gebet überschneiden.

Mein Gesicht. Es ist seltsam hässlich, alt, runzelig, meine Augen enthält es wie eine Landkarte und die Tränen fließen herunter durch die Schwerkraft der Erde angezogen, endlos der Fluss und die Erneuerung.
Mein Gesicht, es enthält alle Menschen, die ich je ansah, es enthält die Ähnlichkeit zu meinen Ahnen und die Entferntheit der Schönheit und Würde in meinem Gefühl, das auch von Schuldigkeit an diesem Desaster durchkreuzt ist auf der Schattenseite des Gesichts. Mein Gesicht es ist Zeuge. Mehr nicht. Es braucht darüber hinaus nicht mehr sein.
Jeder Ausdruck ist ein Schauspiel.

Ich komme zurück an die Oberfläche und halte mich an das, was ich sehe.

My Ancestors In My Face, Guache

Woher komme ich?
Selbstporträt der Ahnen in mir.
Ich erahne mich in meinem Gesicht.
Ich male meine Großmutter und ihre Ahnung von sich selbst in ihrer Ahninnenlinie…
Ich sehe eine bäuerliche Frau. Klein und robust und freundlich. Eine schlichte Einfachheit. Kein Schmuck. Sie trägt das Kopftuch. Ein hellblaues Kopftuch. Das Blau, das ich als Tuch immer noch nicht gefunden habe…
Ich trage mein Tuch und schaue in mein Gesicht und erfinde diese Ahnin in mir und sehe mich darin in dieser einfachen freundlichen natürlichen und stolzen Haltung. Ohne Haben, ohne Schmuck und Attribute.

Es wird immer klarer dieses Gefühl woher ich stamme. Es sind einfache und gesunde Bauern gewesen, Stolz auf ihrer Hände Arbeit. Fleißig und entbehrungsfähige Menschen.
Mit der Natur verbunden.

Sie haben immer wieder ihren Lebensort verändert, als Weinbauern siedelten sie nach dem verheerenden Vulkanausbruch vom Schwäbischen nach Bessarabien, von dort in späterer Generation nach Kanada und zurückbleibend nach Schleswig-Holsten über. Dort im Norden fast an der dänischen Grenze aufgewachsen umhüllte mich seit frühester Kindheit ein Kopftuch, das mich immer gegen Wind und Sonne schützte.

Besonders im Garten meiner Großmutter, wo ich von ihr lernte, wie unterschiedlich die Saat einzulegen ist in die Erde. Sie vertraute mir so manches an, da ich die richtige Geduld aufbringen konnte, zunächst die Erbsen in meinem Mund einzuspeicheln, dabei anzuwärmen und dann in exakt drei cm Entfernung zueinander einen cm tief in die Erde zu legen.. dann noch etwas frischen Kompost drübersegnen und mit Sonnen gewärmtem Brunnenwasser gemischt mit Regenwasser gießen. Und dann an den feurigen Herd in die Küche kommen und mir einen heißen Vanillepudding abholen. Die Wangen rosig von der frischen Luft und den Geist frei in dem weiten Blick über das Moor in der Abenddämmerung.

All das ist für mich in diesem Bildnis erzählt.
Auch wenn meine Oma nun schon 23 Jahre verstorben ist, bildet sie einen großen Teil meiner Identität in mir. Das meiste blieb ungenau und kinderfreundlich ungesagt. Und doch ist es ihre eigentümliche Schlichtheit und ihr natürlicher Stolz, der mich immer wieder beschäftigt. Es sind unsere allabendlichen Spaziergänge, die mir bis in ihr hohes Alter auf meinen Besuchen immer wieder unsere Nähe bedeuteten. Wir sammelten immer irgendetwas ein: Haselnüsse, Äpfel, Blüten, Saat wilder Blumen, Brombeeren…

Und das tue ich immer noch genauso, auf jedem Spaziergang denke ich an sie. Schlehen, die aßen wir gemeinsam schon im Gehen, sie, die Kleinere, bei mir eingehakt. Mit Grimassen und Lauten den sauren ins Adstringierende übergehenden Geschmack zelebrierend. Wir verkörperten so aneinandergeheftet im Lachen unsere Verbundenheit, wie die Moleküle auf unseren Zungen zwischen den Zähnen… Das hielten wir immer für gesund. Würde meine Großmutter noch leben, dann täten wir es gerade jetzt erst recht!

Ja, ich bringe diesen Geschmack insbesondere mit meiner Oma in Verbindung, denn wir haben ihn immer gefeiert. Und ich freue mich, wenn meine Töchter, mein Sohn und meine Enkelin es mir gleich tun. Möge unser Zusammenhalt weiterleben.

Das draußen Sein in der Dämmerung, das ist für mich immer wieder auch im Wald geschehen.

Und das wird mein Thema des Jahres sein 2021: Bäume.